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IV. Fachtagung des ASD e.V. Arbeitsgemeinschaft Sozialarbeit in der Dialyse


 

 

 4. Fachtagung des ASD e.V.
Selbstverständnis von Sozialarbeit bei/mit Nierenkranken, Öffentlichkeitsarbeit, Öffnung des ASD e.V. bundesweit

Referent: Prof. Dr. Peter Reinicke

Selbstverständnis

Selbstverständnis, weitere sinn- und sachverwandte Begriffe, die wir im Duden oder Thesaurus finden sind "Selbsteinschätzung", "Selbstbewußtsein" oder auch "Selbstinterpretation". Alle Worte enthalten den Hinweis auf aktives Tun und daß wir es selbst sind, die ein Verständnis, eine Einschätzung, ein Bewußtsein oder eine Interpretation über die "Sozialarbeit bei/mit Nierenkranken" entwickeln oder abgeben müssen. Das ist auch gut so. Es erinnert uns an unsere Rolle und die damit verbundenen Aufgaben, die wir eigenständig wahrnehmen und nicht unter der Aufsicht anderer Berufsgruppen aus mitarbeitenden Fachdisziplinen.

Ein Hinweis auf die Geschichte des Berufes sei an dieser Stelle erlaubt. Bereits in den zwanziger Jahren äußerte der damalige Vorsitzende der Deutschen Vereinigung für den Fürsorgedienst im Krankenhaus, Alfred Goldscheider: "Die Fürsorgerin sei eine selbständige Kraft, die auf ihrem Gebiet schafft und das in das ärztliche Gebiet hineinträgt, was sie ermittelt habe. (...). Die Ärzte können von einer Zusammenarbeit nur profitieren".

Von welchem Selbstverständnis geht Sozialarbeit/Sozialpädagogik aus? Ich will einige Anregungen vortragen, die zur Auseinandersetzung mit der Thematik und deren Überprüfung anregen sollen:

Öffentlichkeitsarbeit

"Sozialarbeit ist ohne Kommunikation nicht möglich. Das betrifft die Verständigung zwischen Klient, Sozialarbeiter, Träger und Öffentlichkeit gleichermaßen. Die kommunikativen Prozesse zwischen diesen Ebenen in Gang zu setzen und zu halten verlangt einen offensiven Austausch, Reflexion und Präsentation der eigenen Tätigkeit. Die Organisation dieser Prozesse erfordert Kommunikationsmanagement, nämlich eine umfassende, langfristig angelegte und systematisch geplante Öffentlichkeitsarbeit, die Inhalte, Absichten und Ziele der Sozialarbeit", in unserem Fall der Sozialarbeit mit Dialysepatienten "darstellt und darüber mit der Öffentlichkeit in einen Dialog eintritt. Öffentlichkeitsarbeit hat die Aufgabe, interne Verständigung, fachliche Vernetzung und öffentliche Aufmerksamkeit herzustellen".

Sozialarbeiter sollten Öffentlichkeitsarbeit als einen wichtigen Teil ihrer Arbeit ansehen. In der zur Zeit stattfindenden Auseinandersetzung über die immer geringer werdenden Ressourcen im finanziellen Bereich kommt dieser eine große Bedeutung zu. Die z. Zt. von der Polizei und anderen Sicherheitsorganen auf ihre Aufgabenbereiche bezogene Öffentlichkeitsarbeit kann als ein exemplarisches Beispiel für ein-sich-ein-mischen und auf-sich-aufmerksam-machen gesehen werden.

Öffentlichkeitsarbeit darf nicht erst einsetzen, wenn ein Problem entsteht oder wenn Stellen gestrichen werden sollen. Hans Mohl, ZDF-Moderator, formulierte: "Öffentlichkeitsarbeit sollte die Öffentlichkeit darüber informieren, was für die Öffentlichkeit über die eigene Arbeit, die eigenen Probleme, Wünsche und Forderungen wichtig ist, was die Öffentlichkeit aus eigenem Interesse wissen sollte." Zielgruppen dieser Informationen wären: die breite Öffentlichkeit, eine interessierte Öffentlichkeit, eine desinteressierte Öffentlichkeit, die bundesweite Öffentlichkeit, die regionale Öffentlichkeit oder spezielle Gruppen wie Kranke, Patienten, Betroffene, Mitbetroffene, Fachzeitschriften, Fachhochschulen, Fachoberschulen, andere Berufsgruppen, Politiker, staatliche und kommunale Stellen, Stellen der freien Wohlfahrtspflege, Journalisten auf lokaler, regionaler, bundesweiter, internationaler Ebene.

Wie sollte eine Öffentlichkeitsarbeit aussehen. Hans Mohls Thesen sind übertragbar und sollten Beachtung finden. Die Informationen sollten dabei überzeugend und klar sein.

Öffnung des ASD e. V. bundesweit

Im Oktoberheft 1991 der Zeitschrift "Soziale Arbeit" schrieb der Geschäftsführer des Deutschen Zentralsinstituts für soziale Fragen, Lutz-Erich Worch: "Sozialarbeiter leben gefährlich. Vom Charakter ihrer Arbeit geprägt, drohen sie immer wieder vom Einzelkämpfer zum Einzelgänger zu werden. Die Frage, was wen oder wer was formt, gleicht der nach Huhn oder Ei. Das Problem entsteht aus den Alternativen, die sich in Altruismus und Selbstlosigkeit zu erschöpfen oder ichbezogen allein die Karriere im Augen zu haben. Die eine versperrt die notwendige Orientierung am sozialen Umfeld, die andere den Zugang zum Klientel. Die einsamen Heiligen sind dann genauso wirkungslos wie die Sozialverwalter.

Der Mittelweg ist so einfach zu beschreiben wie schwer zu gehen, steht doch Einzelfallarbeit beruflichen Solidarisierungsmöglichkeiten nicht entgegen. Sie führen zu Wissen, Ansehen - und besserer Bezahlung. Organisationsformen hierfür sind die Gewerkschaften und Berufsverbände. Vorausgesetzt, sie haben die notwendigen Denk- und Handlungsapparate - und nutzen sie".

Sozialarbeiter, die mit Dialysepatienten arbeiten, gründeten 1993/94 eine Arbeitsgemeinschaft "Sozialarbeit in der Dialyse" (ASD). Sie folgten damit dem Beispiel der "Bundesarbeitsgemeinschaft der Sozialarbeiter/Sozialpädagogen für Hör-Sprach-Geschädigte e. V.", Sitz Münster, die vor etwa 10 Jahren diesen Schritt vollzog. Diese Zusammenschlüsse zeigen einen Weg, Betreuungsbereiche in das Blickfeld der Öffentlichkeit zu bringen, die nicht so spektakulär sind.

In diesem Zusammenhang ein kurzer Hinweis auf die Erfahrungen der Pionierinnen. Bereits 1915 richteten einzelne des damals sehr jungen Frauenberufs an ihre Berufskolleginnen die Forderung: "Wir brauchen eine Berufsorganisation, die die Interessen unseres Berufes vertritt!" Dieser Aufruf hat im übertragenen Sinne, bezogen auf heutige Ideen und Probleme, nichts von seiner Aktualität verloren.

Er ist durchaus auch als einer der Leitgedanken aus dem Arbeitsauftrag für die Arbeitsgruppe herauszulesen. Ein erfolgreiches Wirken der Sozialarbeit in der Gesellschaft im Sinne eines professionellen Handelns ist nur möglich, wenn ihr Interesse vertreten wird. Die berufspolitische Vertretung ist eindeutig eine Schwachstelle des Berufes. Sozialarbeit mit Dialysepatienten benötigt wie andere Arbeitsfelder auch eine größere Öffentlichkeit und eine breitere Vertretungskompetenz. Hans-Claus Leder, einer der wenigen Hochschullehrer, die sich mit der Professionalisierung des Berufes der Sozialarbeiter/Sozialpädagogen auseinandersetzten, schrieb 1992 in der Zeitschrift "Soziale Arbeit": "Die Zahlen der Adressaten ihrer beruflichen Handlungen (Klienten) scheinen gleichzeitig immer zahlreicher zu werden. Die Komplexität der sozialen Problem- und Notlagen auch. Das verdiente die kompetentere Bearbeitung durch professionell möglichst gut ausgestattete Berufsangehörige." Leders Forderung: Der Beruf muß Eigeninitiative zur Interessenvertretung und zur Professionalisierung entwickeln.


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