Wie läßt sich Krisen vorbeugen?
Wichtig ist, Entfaltung zu fördern, Gestaltungspotentiale der
Patienten zu erweitern, ihre Einbettung in das soziale Netz zu
stärken (z.B. Familienkonflikte früh beachten, nach Lösungen
suchen).
Wenn möglich, sollten Einengungen der Lebensführung verhindert
oder abgefangen werden. Hier sind praktische Regelungen oft hilfreich
(Organisation einer Haushaltshilfe, bevor die Wohnung im Chaos
versinkt).
Lösungsansätze
Zunächst ist es wichtig zu prüfen, ob eine Krise
vorliegt oder gar mehrere Krisen zusammen (z.B. Alternskrise
und Verlustkrise). Abhängig von der Art der Krise, dem besonders
bedrohten inneren Wert ist auch das Ausmaß möglicher Hilfen durch
das soziale Netz.
* Was kann helfen?
- Zu allererst ist es nötig, die Angstspannung zu lösen,
erst dann können andere, helfende Energien frei werden. Vertrauen
gewinnen,
- Jemanden finden, der zuhört und versteht, Krise "zur
Sprache" bringen, eigene Ausweglosigkeit formulieren.
* Hilfe von innen
- Läßt sich das Problem neu definieren, werden Ansprüche
an sich selbst (und andere) neu formuliert, ist das ein schöpferischer
Prozeß, der aus der Krise führt. Neue Handlungsmöglichkeiten
und
- Hilfsquellen werden entdeckt, z.B. Ressourcen in der Familie.
* Hilfe von außen
- Familie, Freunde, professionelle Helfer
- Hier ist es wichtig, die Perspektiven aller Beteiligten
zu beachten:
- Betroffene selbst, Familie, Dialyseteam. Wer hat welches
Ziel, welche Erwartungen an den Zustand nach der Krise
Ein Mensch tritt zwischen die Krise und den
Kriselnden und leitet den Perspektivenwechsel ein, verändert
den Kontakt des Patienten zur Krise, erweitert Handlungsangebote
von außen, verändert den Umgang mit Barrieren (sozial und materiell)
und mindert so die Belastung und die Spannung.
Ersatz für wichtige Bezugspersonen
Bei mangelnder Verfügbarkeit einer engen Bezugsperson
kann einem oder mehreren Mitgliedern des Teams diese Ersatzfunktion
zufallen, er oder sie werden dann zu dem GESICHT, zu dem GEGEN
- ÜBER, von dem Canetti spricht, das wir brauchen, um leben zu
können.
Ermutigung beim Kämpfen um Veränderung
Pflegeteam und SozialarbeiterInnen haben wichtige
Funktionen auch dort, wo es darum geht, die Patienten zu stärken,
neue Ideen zu entwickeln, daran zu glauben, daß ein gegenwärtig
schlechter körperlicher Zustand nicht so bleiben muß, spezialisierte
Hilfen bei Langzeitfolgen von Dialysebehandlung zu organisieren,
es mit einer Kur zu versuchen usw.
Dennoch stellt sich in vielen Krisensituationen
die Frage:
Muß gleich gehandelt werden oder ist es nicht
vielmehr hilfreich, in die vorübergehende Ohnmacht einzuwilligen?
Zusammenfassung der Diskussion
Die Handlungsalternative, vorübergehend in Ohnmacht
einwilligen zu dürfen, wurde als große Erleichterung erlebt.
Als besonders wichtige Krisenzeiten für Dialysepatienten
wurden Krisen am Beginn der Behandlung, Ehekrisen, Alternskrisen,
und Beginn der Pflegebedürftigkeit genannt.
Als hilfreich wurde die Bilanz eines eher gelungenen
Lebens erwähnt.
Wichtig ist auch, über die existentielle Situation
der Pflegepersonen und anderer Helfer immer wieder nachzudenken.
Die moderne Medizin macht es möglich, daß das
Weiterleben der Patienten um den Preis sehr geringer Lebensqualität
gewonnen wird. Das führt zu einem Zustand, in dem sich die Frage
nach dem Sinn des Noch-Lebens immer wieder stellt. Menschen,
die jahrelang stolz waren auf ihr eigenes Lebensmanagement, die
gern Kontrolle über alles hatten, leiden besonders unter dem
abnehmenden Aktionsradius und der zunehmenden Abhängigkeit.
Der Inhalt der Hoffnung verschiebt sich dann oft auf die Existenz
liebevoller, wertschätzender Beziehungen. Die Person des Patienten
ist ja weit mehr als die Summe seiner Leiden. Deshalb kommt der
Stärkung des sozialen Beziehungsgefüges eine besondere präventive
Funktion zu. Sozialarbeiter und Pflegeteam sind wichtige Mediatoren
für die Stabilisierung des sozialen Netzes. In Gesprächen sollten
nicht nur Probleme, sondern die gelingenden Lebensbereiche im
Vordergrund stehen.