Aspekte der schulischen und beruflichen Rehabilitation nierenkranker
Kinder und Jugendlicher
J. Orths, Universitäts-Kinderklinik Heidelberg, Sektion für
pädiatrische Nephrologie
Bevor ich zum eigentlichen Thema komme, möchte
ich einige Vorbemerkungen machen. In Deutschland sind pro Jahr
etwa 80 Kinder und Jugendliche von terminaler Niereninsuffizienz
betroffen, das ist etwa ein Kind pro Million Einwohner. Insgesamt
werden in kindernephrologischen Zentren in Deutschland etwa 1200
niereninsuffiziente Kinder behandelt, rund 200 Kinder und Jugendliche
bedürfen der Dialysebehandlung.
Als medizinische Probleme sind oft vorhanden,
obwohl diese nicht immer vorliegen müssen:
- Störungen des Allgemeinbefindens
- Blutarmut
- Störungen des Knochenstoffwechsels
- Bluthochdruck
- Herz- und Gefäßschädigungen
- Störungen des Wachstums und der Pubertät
Sie können sich somit unschwer vorstellen, daß niereninsuffiziente
Kinder und Jugendliche oft erhebliche Probleme in ihrer geistigen,
seelischen und sozialen Entwicklung aufweisen: Müssen die Patienten
doch immer wieder schmerzhafte Prozeduren über sich ergehen lassen
und einen durch medizinische Verordnungen und Diät drastisch
eingeschränkten Alltag ertragen. Von ihrer Umgebung werden sie
häufig nicht als vollwertig behandelt, Hänseleien, Kränkungen,
Ausgrenzungen sprechen eine deutliche Sprache.
Die Selbständigkeitsentwicklung ist nach unseren
Erfahrungen oft sehr verzögert: denn einerseits werden vom jungen
Menschen, was die Behandlung anbelangt, die Tugenden Einsichtsfähigkeit,
Folgsamkeit, Unterordnung usw. verlangt, und andererseits wird
dann die mangelnde Selbständigkeit und "Das-nicht-wissen-was-sie-wollen" beklagt.
Die fehlende Selbständigkeit ist oft auch die Folge dessen, was
in der einschlägigen Literatur unter dem Stichwort "Overprotection" nachzulesen
ist.
Lt. der "Heidelberger Längsschnittstudie
zur psychosozialen Rehabilitation" von J. R. bestehen bei
etwa einem Drittel der jungen Nierenkranken noch weitere Behinderungen
körperlicher oder geistiger Art.
Jetzt zur schulischen Seite der Rehabilitation:
Daß eine möglichst gute und qualifizierte Schulausbildung
für jeden Menschen wichtig ist, darüber brauchen wir in Bezug
auf unsere nierenkranken Kinder und Jugendlichen keine weiteren
Worte zu verlieren.
Zunächst möchte ich zur Verdeutlichung des Themas
einige für uns in Heidelberg maßgebliche Richtlinien formulieren:
Im Umgang mit niereninsuffizienten Kindern und
Jugendlichen sollte generell, also auch im schulischen Bereich,
der Grundsatz gelten: So viel Normalität wie irgend möglich und
so wenig Schonung wie möglich. Bei der Wahl der Schule heißt
deshalb für uns die Option zunächst Regelschule. Sollte ein Schüler
dort nicht zurecht kommen oder überfordert sein, kann immer noch
eine andere Schule, wie z.B. die Schule für Lernbehinderte oder
für Körperbehinderte in Betracht gezogen werden. Ich halte es
zudem für problematisch, Kinder aus Angst vor etwaiger Überforderung
gleich in eine entsprechende Sonderschule einzuschulen. Eine
gewisse Schonung kann bei nachgewiesenen medizinischen, psychologischen
oder sozialen Problemen durchaus berechtigt sein. Eine Schonung,
die jedoch dem Kind aufgrund der Krankheit von vornherein alle
Anforderungen und Verantwortung abnimmt, heißt auch, ihm wenig
zuzutrauen, es nicht als vollwertig anzusehen und somit abzuwerten.
Bei allem ist die Zusammenarbeit mit den Eltern
entscheidend: Denn besteht Einigkeit zwischen Schüler, Eltern
und Behandlungsteam bezüglich der Wahl der Schule, so kann auch
unter Umständen eine Schule durchgesetzt werden, wo von Seiten
der Schulämter oder der Schule selber Bedenken gegen eine Einschulung
bestehen.
An den meisten kindernephrologischen Zentren
in Deutschland wurde inzwischen ein Psychosozialer Dienst eingerichtet,
wo eine Kontaktaufnahme zu den Schulen durch Kliniklehrer, Psychologen
oder Sozialarbeiter inzwischen zum Standard gehört. In der Praxis
bedeutet dies, daß die entsprechende Schule von uns aufgesucht
wird, und zwar bei der Ersteinschulung, bei einem Wechsel in
eine andere Schule, z.B. nach Umzug, beim Wechsel von Grund-
in Haupt- oder weiterführende Schule etc.. Außerdem suchen wir
die Schulen auf, wenn sich das Stadium der Krankheit ändert,
wie z.B. bei Beginn der Dialyse oder nach erfolgreicher Transplantation.
Für einen Sozialarbeiter bedeutet dies, daß im Gegensatz zur
herkömmlichen Sozialarbeit, wo er durch die Klienten bei Problemen
aufgesucht wird, er hier seinerseits die Patienten und deren
soziales Umfeld aufsucht. Hier liegt also ein wesentlicher Schwerpunkt
der Arbeit auf Prävention! Selbstverständlich machen wir Schulbesuche
nur mit Einverständnis der Patienten bzw. der Eltern.
Dies hat sich in den allermeisten Fällen gut
bewährt. Bedenken sind oft z.B. "Wie schafft das Kind das überhaupt,
ist das Kind überhaupt leistungsfähig, oder was machen wir, wenn
es dem Kind schlecht geht?" Diese Bedenken seitens der o.g.
Schulämter oder ängstlicher Lehrer können gewöhnlich ausgeräumt
werden. Ein Schulbesuch in einer offenen Atmosphäre weckt Verständnis
für die spezifischen Probleme unserer Patienten bei Lehrern und
Mitschülern. Mit Einverständnis des Patienten haben wir auch
schon eine Art "Unterrichtsstunde" über Nierenfunktion
und Nierenerkrankungen gehalten. Auch die Infoblätter der Klinik
haben sich inzwischen sehr gut bewährt und werden z.T. von Lehrern
dankbar zur Kenntnis genommen.
Diese Infoblätter gibt es als "Informationen
für Lehrerinnen und Lehrer" mit einem Schüler/in in Hämodialysebehandlung,
in Peritonealdialysebehandlung und für Lehrer mit einer/m nierentransplantierten
Schüler/in. Inhaltlich wird hier über das Krankheitsbild der
chronischen Niereninsuffizienz und deren Behandlung sowie über
die hierdurch entstehenden Belastungen des/der Schülers/in informiert,
sowie Hinweise für den Umgang mit dem Schüler/in gegeben. Diese
Hinweise beziehen sich insbesondere auf die Ernährung, auf die
körperliche Belastbarkeit, auf die Schonung der Fistel bzw. des
Bauches, auf das Verhalten bei Unwohlsein des Schülers, auf die
Leistungsförderung und die Integration in die Klasse. Am Schluß werden
die Telefonnummern von Eltern, Klinikschule, Klinik, Dialyseabteilung
und Hausarzt genannt.
Aufgrund der Krankheit werden sich bei den meisten
Kindern Schulausfälle nicht vermeiden lassen. Hier besteht die
Möglichkeit, Förderunterricht oder sogar Hausunterricht zu beantragen.
Diese Möglichkeit ist z.B. im Baden-Württembergischen Schulgesetz
vorgesehen und eigentlich in den Schulgesetzen der anderen Bundesländer
ebenfalls verankert. Bei Bedarf bescheinigen wir, immer mit Unterschrift
eines Arztes, die Notwendigkeit eines Förder- oder Hausunterrichts.
Dies wird dann über die Schule beim jeweiligen Schulamt beantragt
und in der Regel auch genehmigt. Mir ist bisher noch keine Ablehnung
bekannt.
Auch Kinder, die wöchentlich 3 mal an die Hämodialyse
müssen, werden in Heidelberg für jeweils ca. 1 Stunde am Bett
unterrichtet. Das hat schon vielen Kindern und Jugendlichen geholfen,
Schulschwierigkeiten besser in den Griff zu bekommen.
Übrigens, das sei hier auch gesagt:
Auch nierenkranke Kinder und besonders Jugendliche
haben nicht immer "Bock" auf Schule. Dem einen oder
anderen Patienten stinkt es sogar sehr, Förderunterricht am Nachmittag
oder Unterricht an der Hämodialyse über sich ergehen lassen zu
müssen. Aber das ist ja gerade das Ziel in einem Kinderdialysezentrum,
die leider Gottes notwendige Behandlung mit etwas Sinnvollem
anzureichern. Die Kinder müssen ja nicht vom Anfang bis zum Ende
der Dialyse Videos oder Fernsehen schauen. In Heidelberg wird
das so gemacht, daß die Lehrerinnen in Kontakt mit der jeweiligen
Schule stehen und somit genau über den Lernstoff und den Leistungsstand
der Schüler informiert sind. Somit kann ganz gezielt bei Schwächen
nachgeholfen werden. Bei Einzelunterricht ist es natürlich für
den Schüler schwierig, sich zu entziehen. Außerdem versuchen
die Lehrerinnen nicht nur mit den Schülern zu "pauken",
sondern auch Stoff anzubieten, welcher dem einzelnen Schüler
Spaß macht.
Ebenso möchte ich noch auf die Wichtigkeit des
Unterrichts während der stationären Aufenthalte hinweisen. Hier
ist der Unterricht für die Patienten in der Ausnahmesituation
ein Stück Alltag und somit auch "normales Leben".
Soweit meine Anmerkungen zur schulischen Rehabilitation.
Ohne eine gute schulische Förderung als Voraussetzung für eine
berufliche Rehabilitation sind die Chancen für unsere jungen
Patienten mit Sicherheit noch schlechter als sie es ohnehin schon
sind!
Damit wäre jetzt die Brücke geschlagen zum Thema
berufliche Rehabilitation.
Hierzu möchte ich zunächst feststellen, daß es
für junge chronisch kranke Menschen sicherlich nicht leicht ist,
eine Lehrstelle zu finden, die ihren Neigungen und Interessen
entspricht. In diesem Satz stecken, genauer betrachtet, drei
Problemfelder, auf die ich im folgenden näher eingehen werde.
Zu Punkt 1
Auch nicht behinderte bzw. nicht chronisch kranke
Schulabgänger haben erhebliche Schwierigkeiten, einen Ausbildungsplatz
zu bekommen.
Im letzten Jahr (1995, der Herausgeber) gab
es nach Auskunft des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung
für jeden Jugendlichen in Deutschland rein rechnerisch einen
Ausbildungsplatz. Betrachtet man jedoch die Zahlen, so stellt
man schnell fest, daß dies in der Realität ganz anders aussah!
| Nachfrage |
|
|
Angebot |
|
| West |
493 360 |
|
West |
469 520 |
| Ost |
123 630 |
|
Ost |
128 210 |
| Gesamt |
616 990 |
|
Gesamt |
597 730 |
In Ostdeutschland gab es noch nicht einmal rein
rechnerisch für jeden Jugendlichen einen Ausbildungsplatz!
Und daß der in Aachen angebotene Ausbildungsplatz
nicht vom Lehrstellensuchenden in Görlitz wahrgenommen werden
kann, ist verständlich. Um die Nachfrage zu befriedigen, muß also
stets ein Überhang im Angebot vorhanden sein. Dieser Überhang
ist in den letzten Jahren stetig kleiner geworden. In Ostdeutschland
bestand zuletzt ein winziger Überhang von ca. 2000 Ausbildungsplätzen
im Jahr 1992. In den folgenden Jahren war die Nachfrage stets
größer!
Und Anfang August dieses Jahres(1996, der Herausgeber),
als ich diesen Beitrag fertiggestellt habe, entnahm ich der Heidelberger
Rhein-Neckar-Zeitung vom 5. August, daß in diesem Jahr 620.000
Lehrstellen benötigt werden. Ende Juni waren immer noch 240.000
unversorgte Jugendliche bei den Landesarbeitsämtern registriert.
Aber nicht nur die Differenz zwischen Angebot
und Nachfrage, welche ein politisches, wirtschaftliches und soziales
Problem ist, führt bei unseren nierenkranken Jugendlichen zu
Problemen bei der Berufswahl.
Ich komme jetzt zu Punkt 2
Zunächst seien hier die medizinischen Gründe
genannt, welche bei der Findung eines Ausbildungsplatzes bzw.
bei der Berufswahl Probleme machen können, es aber nicht zwangsläufig
müssen:
- Nierenkranke Menschen sind meist allgemein weniger belastbar,
sie werden oft schneller müde.
- In allen Stadien der Nierenerkrankung, also im konservativen,
praeterminalen, terminalen Stadium und nach einer eventuellen
Nierentransplantation, kann es jederzeit zu erheblichen Komplikationen
kommen und somit zu Ausfällen und Rückständen in der Ausbildung.
Niereninsuffizienz ist eben keine Behinderung, deren Stand
mehr oder weniger statisch bleibt.
- Berufe, in denen Schichtarbeit die Regel ist, können gewöhnlich
nicht ausgeübt werden.
- Bei Hämodialysepatienten gilt es, Dialysezeit und -ort
mit dem Ausbildungsplatz unter einen Hut zu bringen. Wohnt
der Jugendliche z.B. 15 km südlich von seinem Ausbildungsplatz
in der Großstadt entfernt und muß das Dialysezentrum 10 km
südlich seines Wohnortes dreimal in der Woche aufsuchen,
so entstehen schnell pro Woche stundenlange belastende Fahrtzeiten,
besonders im ländlichen Raum.
- Peritonealdialysepatienten sollten Arbeiten meiden, bei
denen der im Bauch implantierte Katheter Schaden nehmen könnte.
Außerdem sollten körperlich schwere Arbeiten wegen der Belastung
der Bauchdecken gemieden werden.
- Insgesamt sollten bei Nierenkranken Arbeiten, bei denen
ein ständiges Arbeiten unter wechselnden Temperaturen notwendig
ist oder Arbeiten mit Giften, Lösungsmitteln etc. gemieden
werden.
Aber die Einschränkungen sind nicht nur medizinischer
Art. Auch die von der chronischen Erkrankung herrührenden psychischen
Belastungen sind oft große Hindernisse beim Eintritt in eine
Berufsausbildung. Hier sind nach unseren Erfahrungen oft folgende
Probleme zu berücksichtigen:
- Aus der Erfahrung heraus, daß diese Krankheit nicht heilbar,
sondern lediglich eine Verbesserung des Zustandes möglich
ist und durch lange, oft lebensbedrohliche Krankheitsphasen,
resultiert bei den Patienten ein manchmal resignatives Verhalten
bezüglich des weiteren Lebens überhaupt. Eine Motivation
der Patienten unter diesen demotivierenden Bedingungen ist
folglich manchmal nur schwer herzustellen.
- Oft ist auch eine gewisse Antriebsarmut, hervorgerufen
durch lange Krankheitserfahrung, zu beobachten.
- Oft haben wir die Erfahrung gemacht, daß die Jugendlichen
extrem unselbständig sind. Deshalb möchte ich hier auch noch
kurz auf das bereits oben erwähnte Problem der Overprotection
eingehen. Dies ist meines Erachtens nicht nur ein Problem
der Jugendlichen, sondern in der Hauptsache ein Problem der
Betreuer. Wie oft wird Jugendlichen, verständlicherweise,
wenn es ihnen z.B. an der Dialyse schlecht geht oder beim
stationären Aufenthalt nach einer Operation, alles abgenommen.
Auch in Bereichen, wo sie durchaus in der Lage wären, Verantwortung
für bestimmte Dinge oder Verrichtungen zu übernehmen. Aus
pädagogischer Sicht ist gerade - die wiederum aus medizinischer
Sicht erforderliche - Rundum-Versorgung in der Klinik den
Kindern und Jugendlichen nicht förderlich. Diese Rundum-Versorgung
setzt sich dann oft zu Hause fort, wobei man sicherlich Eltern,
die manchmal wochenlang um ihr Kind gebangt haben, durchaus
verstehen kann. Ich hebe eben auf das Thema Überversorgung
deshalb noch mal ab, weil bezüglich unserer Patienten bei
Außenstehenden u.U. das Bild des dickköpfigen, faulen und
unmotivierten Jugendlichen bestehen kann, welcher sich sofort
auf seine Krankheit beruft, sobald Anforderungen an ihn gestellt
werden.
- Aber dieser Eindruck ist falsch. Will man die Unselbständigkeit
und mangelnde Initiative mancher CNI-Patienten verstehen
oder gar positiv verändern, so muß man erkennen, daß daran beide Seiten,
sowohl die Patienten als auch deren Betreuer ihren Anteil
haben. Der Weg in die Selbständigkeit des Jugendlichen ist
für alle Beteiligten eine ständige Gratwanderung zwischen
dem tatsächlichen Bedarf des Patienten nach Hilfe einerseits
und dem Bedürfnis seitens der Behandler, dem Patienten konkret
helfen zu wollen, andererseits. Eine Gratwanderung ist dies
auch besonders für den Betreuer: Er soll notwendige Hilfen
erkennen, aber nicht unbegrenzt anbieten, damit der Patient
eigenständiges und eigenverantwortliches Handeln erlernen
kann.
(Ich denke, jeder von uns könnte hier einiges
aus dem Nähkästchen ausplaudern.)
Zum dritten Punkt brauche ich nicht viel zu
sagen.
- Nierenkranke Jugendliche haben, was die Berufswahl angeht,
meist Berufswünsche, wie sog. normale Jugendliche auch. Das
heißt, sie möchten Berufe erlernen, die sie schon mal in
ihrem Umfeld kennengelernt haben. Hier taucht oft der Berufswunsch
Arzthelferin oder Krankenschwester auf. Da die Krankheit
meist mit einer Diät verbunden ist und diese manchmal als
das eigentlich Schlimme an der Nierenerkrankung erlebt wird,
möchten viele vielleicht deshalb den Beruf des Kochs erlernen.
Wenn dann ein Patient einen anderen Beruf als den ursprünglich
gewünschten ergreifen muß, ist es meines Erachtens ein großes
Opfer, wenn er einen Beruf erlernen muß, der ihm bislang
als abscheulich vorkam.
Soviel zum o.g. Satz, daß es nicht leicht für
nierenkranke Jugendliche ist, einen Ausbildungsplatz zu bekommen,
der ihren Interessen und Neigungen entspricht.
Wie können wir junge, chronisch kranke Menschen
unterstützen, einen Beruf zu erlernen?
In einem Industrieland wie Deutschland, wo der
internationale Wettbewerb entscheidende Auswirkungen hat, ist
eine gute Ausbildung generell als Grundlage für ein Bestehen
im Berufsleben erforderlich. In der Zeitung des Deutschen Kinderschutzbundes,
1. Quartal 1996, fand ich einen Artikel, in dem sich Tyll Necker,
bis 1995 Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie
(BDI) unter dem Titel "Was wünscht die Wirtschaft von der
Pädagogik" äußert. Ich möchte daraus zitieren:
"Bildung umfaßt nicht nur die fachliche
Ausbildung für den Beruf. Immer wichtiger wird die Entwicklung
der Persönlichkeit für ein erfolgreiches und erfülltes Leben"
oder er spricht von "leistungsbereiten
und leistungsfähigen Mitarbeitern", von "Selfstarter,
Mitarbeiter, die sich aus eigenem Antrieb bewegen". Diese
müssen "planen und organisieren, kreativ und problemlösend
tätig sein."
oder weiter: "Kommunikation und Kooperation,
Motivation und Lernfähigkeit (spielen) eine ganz entscheidende
Rolle".
und zum Schluß: "Fach- und Spezialwissen
bleiben unverändert wichtig, jedoch findet eine Schwerpunktverlagerung
statt. Gebraucht werden auch überfachliche Qualifikation, die
Schlüsselqualifikationen wie Kommunikations- und Teamfähigkeit,
Vernetzungs- und Organisationsfähigkeit, Problemlösungs- und
Entscheidungsfähigkeit angesichts komplexer Situationen" Zitat
Ende.
Unabhängig davon, was ich ansonsten über den "BDI" denke,
möchte ich hier jedoch Tyll Necker zustimmen. Diese als "Schlüsselqualifikation" oder
als "Basisqualifikation" zu bezeichnenden Fähigkeiten
sind sicherlich für jeden jungen Menschen heute von Nutzen. Denn
durch die Veränderung der nationalen Volkswirtschaften in eine
Weltwirtschaft, der durch neue Techniken veränderten Arbeit und
durch die damit radikal veränderte Arbeitsmarktlage wird an den
Arbeitnehmer heute ein anderes Anforderungsprofil gestellt als
noch vor etwa 20 Jahren.
Aber fehlt es unseren jungen Patienten nicht
gerade oft an diesen oben aufgeführten Fähigkeiten? Die Ursachen
hierfür sind sicherlich erklärbar und verständlich. Hier wird
deutlich, daß man sich als Sozialarbeiter besonders bemühen muß,
und dies individuell.
Die Unterstützung durch den Sozialarbeiter bei
der Berufswahl von chronisch nierenkranken Jugendlichen kann
so aussehen:
Rechtzeitige Kontaktaufnahme mit der Berufsberatung
des Arbeitsamtes. Rechtzeitig heißt: mindestens vor dem Abschluß der
vorletzten Klasse. Dann bleibt noch Zeit, sich schulisch zu verbessern,
evtl. das letzte Schuljahr vor Abschluß nochmals zu wiederholen,
um einen besseren Abschluß zu erlangen.
Für unsere Patienten kommt gewöhnlich der Berufsberater
für Behinderte in Frage. Nach meiner Erfahrung wird dann oft
ein Berufsvorbereitungsjahr (BVJ) oder ein Förderlehrgang angeboten.
Dies meist in einem Berufsbildungswerk. Da im Einzugsbereich
unserer Heidelberger Kinderklinik das Neckargemünder Rehazentrum
sozusagen gleich vor der Haustüre liegt, wird dies vom Berufsberater
für Behinderte öfters empfohlen. Da aber viele unserer Jugendlichen
dieses Zentrum aufgrund der bei unseren Hämodialysepatienten
dort erfolgten Fistelanlage kennen, - in der dortigen Klinik
arbeitet ein bekannter Gefäßchirurg, - wollen sie eben gerade
da nicht hin. Übrigens, die Bundesanstalt für Arbeit stellt in
ihrem Handbuch für Schule und Berufsberatung mit dem Titel "Behinderte
Jugendliche vor der Berufswahl", Ausgabe 1993, im Kapitel "Kranke
Jugendliche" selber fest, ich zitiere:
"In Berufsbildungswerken können kranke
Jugendliche zu einer Ausbildung geführt werden, die in Betrieben
so nicht durchführbar wäre. Da für sie in der Regel nur Berufsbildungswerke
für Körperbehinderte in Betracht kommen, bei kranken Jugendlichen
aber keine originäre Körperbehinderung vorliegt, bleiben psychische
und soziale Schwierigkeiten oft nicht aus. Die tägliche Zusammenarbeit
und das Zusammenleben mit Körperbehinderten verlangt von den
Kranken ein hohes Maß an seelischer Stabilität und Toleranz,
das ihnen häufig fehlt." Zitat Ende.
Ich möchte hier nicht die Qualität einer Berufsausbildung
in einem Berufsbildungswerk in Zweifel ziehen, im Gegenteil:
Oft erreichen behinderte Jugendliche hier qualifizierte Abschlüsse,
die sie ohne diesen Schonraum in der freien Wirtschaft nicht
erreicht hätten. Hin und wieder wird von einzelnen Jugendlichen
das Angebot BBW auch gerne angenommen, jedoch ist Ablehnung eines
BBW eher die Regel. Viele wollen nicht von zu Hause weg, viele
halten sich zwar für krank, aber nicht für "behindert".
Offenbar wird die eigene chronische Krankheit subjektiv nicht
als "Behinderung" erlebt. Behinderung wird als soziales
Stigma betrachtet. Wenn man den Berufsberatern für Behinderte
beim AA auch gleich mitteilt, daß die Unterbringung in einem
Berufsbildungswerk nicht gewünscht wird, sind diese nach meinen
Erfahrungen sehr bemüht, auch andere Wege zu gehen, wie z.B.:
- Zunächst Verbesserung der schulischen Voraussetzungen
durch Maßnahmen am Heimatort (BVJ, Förderlehrgang).
- Überbetriebliche Berufsausbildung bei freien Trägern (z.B.
Kolping-Bildungswerk, Internationaler Bund für Sozialarbeit)
- Vielleicht gelingt aber auch die Vermittlung in der Wirtschaft
oder in einer Verwaltung.
Im o.g. Handbuch wird übrigens ein besserer
Kontakt zwischen Klinik bzw. Klinikschule und Berufsberatung
als sinnvoll und notwendig erachtet. Als positiv hat sich bisher
erwiesen, wenn jemand vom psychosozialen Team der Kinderklinik
die Jugendlichen bei der Berufsberatung für Behinderte begleitet.
Meines Erachtens ist dies besonders bei ausländischen Jugendlichen
wichtig, da hier noch eine andere Problematik zusätzlich eine
Rolle spielt.
Oft gehen zu den Berufsberatungsterminen auch
die Eltern mit.
Als aufmerksame Zuhörer wird ihnen jetzt nicht
entgangen sein, daß wir hier wieder beim vorhin bereits erwähnten
Thema "Überversorgung" sind. Grundsätzlich bin ich
der Meinung, daß die Jugendlichen selber zur Berufsberatung gehen
sollten, aber was tun, wenn sie nicht alleine gehen? Ich gehe
einmal mit, um ihnen die Schwellenangst zu nehmen, dann sollten
sie ohne Begleitung hin.
Unabhängig von der Inanspruchnahme des Arbeitsamtes
bei der Berufswahl sollten sich die Jugendlichen aber auch auf
dem freien Arbeitsmarkt bewerben. Sicherlich ist das der geringere
Teil, aber hier bestehen im einen oder anderen Fall berechtigte
Chancen. Ich empfehle den Patienten, besonders den transplantierten,
im Bewerbungsschreiben zunächst ihre Qualifikation, bzw. ihre
Interessen und Neigungen darzustellen. Kommt es dann zum Bewerbungsgespräch,
kann die Erkrankung immer noch mitgeteilt werden.
Übrigens: Es ist nirgendwo im "Behindertenrecht" vermerkt,
daß ein behinderter Bewerber bei seiner Bewerbung die Behinderung
von vornherein mitteilen muß. Auskunftspflicht besteht nur, wenn
danach gefragt wird.
Hier möchte ich auch noch erwähnen, daß ich
zunächst glaubte, es könne für Arbeitgeber durchaus attraktiv
sein, nierenkranke Jugendliche auszubilden:
Im Arbeitsförderungsgesetz, sowie in der dazugehörigen "Anordnung
des Verwaltungsrates der Bundesanstalt für Arbeit über die Arbeits-
und Berufsförderung Behinderter", kurz "A-Reha" genannt,
sind Leistungen an Arbeitgeber vorgesehen, wie z.B. Ausbildungszuschüsse
von 60% (§ 53) oder bei Eingliederungshilfe sogar 80% (§ 54).
Auf meine Nachfrage beim Arbeitsamt Heidelberg teilte man mir
mit, daß es zur A-Reha jeweils Durchführungsbestimmungen gäbe,
die sich u.a. auch nach den finanziellen Ressourcen des jeweiligen
Arbeitsamtsbezirks richteten. Dies sähe z.Zt. so aus, daß kaum
noch Ausbildungsverhältnisse von Behinderten mit 60% Zuschüssen
an Ausbilder gefördert würden. In Heidelberg ginge diesbezüglich
fast nichts mehr, allenfalls noch Förderungen im Rahmen von 10
oder 20% Zuschüssen. Sicherlich ist aufgrund dieses in besseren
Zeiten gewährte Bonbon für den Ausbilder manches zusätzliche
Ausbildungsverhältnis zustande gekommen. Wenn es jetzt im einen
oder anderen Fall an der geringen Bezuschussung scheitern sollte,
möchte ich das als sehr schlimm für den oder die Betroffene/n
bezeichnen.
Zum Abschluß möchte ich noch mal betonen: die
vielschichtigen Probleme unserer jungen Patienten verlangen vom
Sozialarbeiter ein differenziertes und zum Teil sehr individuelles
Vorgehen. Wichtig ist deshalb das Kontakthalten, dies besonders
bei den Jugendlichen, die schon lange transplantiert sind, und
die - Gott sei Dank - nur noch selten in der Klinik zu sehen
sind. Auch deshalb empfiehlt sich der regelmäßige Blick in den
Ambulanzkalender. Daß die Patienten in den allermeisten Fällen
unsere individuelle Unterstützung brauchen, ist m.E. nicht in
Zweifel zu ziehen. Nur routinemäßige Versorgung wird unserer
komplizierten Klientel nicht gerecht.
Ich möchte dies auch kurz belegen, indem ich
auf die multizentrische Studie zum Thema "Berufliche Rehabilitation
bei chronisch niereninsuffizienten Jugendlichen", verweise,
welche Herr Rosenkranz heute nachmittag vorstellen wird. Dieser
Studie ist nämlich eindeutig zu entnehmen, daß sich die rehabilitative
Situation der Jugendlichen eindeutig verbessert hat, wenn an
den jeweiligen Zentren ein psychosoziales Team besteht! Es läßt
sich hier auch die Schlußfolgerung ziehen, daß sich eine psychosoziale
Betreuung unserer Patienten insgesamt rechnet. Ich sage das auch
unter Verweis auf unser letztjähriges "Schwerpunktthema" Qualitätssicherung.
In einer Gesellschaft, wo der Wert eines Menschen
auch heute hauptsächlich immer noch über die Stellung im Arbeitsleben
definiert wird, ist die berufliche Integration unserer Patienten
für deren Selbstwertgefühl und deren Lebensqualität von entscheidender
Bedeutung. Es ist von unschätzbarem Wert, trotz chronischer Erkrankung
gebraucht zu werden und Leistung erbringen zu können.
Hier ist unser Engagement gefragt. Es lohnt
sich.