Aktuelle Studien zur Beurteilung von Lebensqualität
in der urologischen
Onkologie
Vor nunmehr fast 10 Jahren hat man begonnen
mit primär selbst konstruierten Fragebögen die Lebensqualität
in der urologischen Onkologie zu messen. Die in den Jahren 1987
bis 1992 publizierten Arbeiten, welche vornämlich die Lebensqualität
nach vor und nach radikaler Zystektomie messen, haben jedoch
den gravierenden Nachteil, daß die verwendeten Meßinstrumente
keine validen mehrdimensionalen international verfügbaren Meßinstrumente
darstellten und somit eine Vergleichbarkeit derartiger Studien
bisher nicht möglich war (16, 22, 23, 24, 29, 40, 41, 43). In
den letzten Jahren haben sich zunehmend auch in der urologischen
Onkologie mehrdimensionale international verfügbare Instrumente
zur Meßbarkeit von Lebensqualität durchgesetzt. Die aktuellen
Studien zur Beurteilung von Lebensqualität anhand von international
akzeptierten Meßinstrumenten beim Prostatakarzinom sind in Tabelle
6 zusammengefaßt. Diese Studien haben alle retrospektiven Charakter
und untersuchen primär die radikale Prostatektomie oder die radikale
Prostatektomie versus Strahlentherapie. Die verwendeten Lebensqualitätsmeßinstrumente
sind alle generische multidimensionale Meßinstrumente. Die Autoren
stellen jedoch in ihrer kritischen Beurteilung ihrer Arbeit fest,
daß es nicht ausreiche allgemeine Lebensqualität bei derart spezifischen
Fragestellungen zu messen und fordern daher tumorspezifische
Instrumente zu entwickeln. Aus diesem Grunde haben wir 1993 begonnen
nach den Richtlinien der EORTC Study Group on Quality of Life
für die radikale Prostatektomie ein tumorspezifisches Modul zu
entwickeln, welches nun in einer retrospektiven Analyse bereits
getestet wird (1, 2, 4, 5, 6, 7, 9, 10, 36, 44, 51).
Die zur Zeit einzige verfügbare Studie über
die Meßbarkeit der Lebensqualität nach Strahlentherapie beim
Prostatakarzinom mißt die Lebensqualität mit einem eigens entworfenen "Radiumhemmets
Scale of Sexual Functional-Fragebogen" und untersucht primär
die Auswirkungen der Strahlentherapie auf die Sexualität. Dieser
Fragebogen ist zur Zeit in englischer Sprache erhältlich, so
daß eine vergleichende Untersuchung derzeit nicht durchgeführt
werden kann. Es konnte jedoch in dieser Studie nachgewiesen werden,
daß immerhin 50 % der Patienten über eine Lebensqualitätseinschränkung,
bedingt durch eine Verminderung der Errektionshäufigkeit und
der Errektionsqualität (31).
Die einzige publizierte Arbeit über die Lebensqualitätsmessung
beim Harnblasenkarzinom in Abhängigkeit von den verschiedenen
Harnableitungen mißt die Lebensqualität ebenfalls mit einem selbst
konstruierten Lebensqualitätsfragebogen, der somit auch nur eingeschränkt
vergleichbar ist. Die Aussagekraft dieser Arbeit wird von den
Autoren selbst als limitiert betrachtet (12). Dennoch erscheint
es sehr wichtig für die Zukunft, nicht nur für die radikale Zystektomie
und die verschiedenen Harnableitungen sondern auch für die Therapie
des oberflächlichen Harnblasenkarzinoms tumor- und behandlungsspezifische
Module zu entwickeln. Aus diesem Grunde haben wir für die radikale
Zystektomie und die verschiedenen Harnableitungen vier tumorspezifische
Module entwickelt, die nun in retrospektiven Studien getestet
werden (1, 6, 51).
Zur Beurteilung der Lebensqualität beim Hodenkarzinom gibt es
zur Zeit nur wenige Arbeiten (14, 18). Die Lebensqualität bei
Hodentumorpatienten nimmt einen besonderen Stellenwert ein, da
durch den interdisziplinären Einsatz von Operationen, Strahlen-
und Chemotherapie 95 % der Patienten geheilt werden und der überwiegende
Teil der Männer im Alter von 20 bis 40 Jahren erkrankt (21, 47).
Von besonderer Bedeutung sind bei diesen jungen Männern sicherlich
die körperliche Unversehrtheit, die psychische Situation, die
sozialen Beziehungen, insbesondere aber auch die sexuelle Erlebnisfähigkeit
und Zeugungsfähigkeit. In einer Studie von Bussar-Maatz wurde
ein doppelseitiger Lebensqualitätsfragebogen mit 30 Items analog
des EORTC-Konzeptes eingesetzt. In dieser multizentrischen prospektiven
Studie im klinischen Stadium II a und b des nicht seminomatösen
Hodenkarzinoms wurde die primäre Chemotherapie gegenüber der
Standardtherapie (LA + 2 Kurse Chemotherapie) geprüft. Zielkriterium
dieser Studie sind nicht die rezidivfreien Überlebensraten, sondern
die Beeinträchtigung der Lebensqualität, die sich aus der objektiven
Morbidität und den subjektiven Einschätzungen des Patienten ermittelt
anhand des Lebensqualitätsfragebogens ergaben. Da es sich um
eine longitudinale Studie handelt, sind derzeit nur Zwischenergebnisse
verfügbar. Diese weisen jedoch darauf hin, daß es sowohl Unterschiede
im Verlauf über die Zeit als auch Hinweise auf Unterschiede in
verschiedenen Befindlichkeitsvariablen zwischen den Behandlungsgruppen
gibt. Jedoch ist es unausweichlich, ob es spätere Auswertungsergebnisse
mit breiter Datenbasis und damit verbundenen längeren Nachbeobachtungszeiträumen
zu focusieren (14). Ebenso hat man in jüngster Zeit versucht
im klinischen Stadium I im Rahmen einer Voruntersuchung die Basis
für die Entwicklung von EORTC-spezifischen Hodenkarzinommodulen
für das Stadium I (Chemotherapie oder Radiotherapie) zu einwickeln
(25). Es wird jedoch noch einige Zeit benötigen, bis derart adäquate
EORTC-spezifische Module für das Hodenkarzinom verfügbar sein
werden.
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