Sozialarbeit im Management der Unterstützung
In welcher Beziehung die Umbrüche im Gesundheits- und Sozialwesen
zum methodischen Vorgehen in der Sozialen Arbeit stehen bzw.
stehen können, läßt sich gut an der Entwicklung von Case Management
zeigen. Dem Prinzip "ambulant" vor "stationär" folgend,
hat man zuerst in den USA eine Verfahrensweise entwickelt, in
der systematisch Unterstützung im Einzelfall eingeleitet, eine
ganzheitliche Situationseinschätzung, Bedarfsklärung und Hilfeplanung
betrieben, Kontrakte zur Dienstleistung abgeschlossen und deren
Erbringung kontrolliert und evaluiert wird (vgl. Wendt 1995 c).
Sehr bald hat man sich im medizinischen Bereich, speziell in
der Krankenpflege und in der Altenpflege des Verfahrens angenommen:
die Reformen im Gesundheitswesen und in der Pflege legten eine
rationale und transparente Ablauforganisation im beruflichen
Handeln nahe. Die Pflegekräfte entdeckten, daß sie mit einem
nursing case management Leitstellen im Prozeß ambulanter, aber
auch stationärer Versorgung übernehmen können und damit ihre
beruflichen Status heben.
Die Sozialarbeit hinkt hinterher. In den USA
hat sich der Case Manager inzwischen als selbständig auszuübender
Beruf etabliert. Er übernimmt bei Behandlungs- oder Pflegebedürftigkeit
von Anfang bis Ende quasi die Geschäftsführung für seine Mandanten.
Der Case Manager bietet seine Dienste den Krankenkassen und anderen
Leistungsträgern und auch direkt den Patienten oder Rehabilitanten
an.
Anders in Großbritannien. Mit dem National Health
Service and Community Care Act von 1990 haben die Sozialarbeiter
in den lokal zuständigen Behörden den Auftrag bekommen, für versorgungs-
oder hilfebedürftige Menschen Leistungen einzukaufen und die
Leistungserbringung zu kontrollieren. In diesem "care management" übernehmen
die Sozialarbeiter die Überprüfung der Leistungsberechtigung,
die Bedarfsabklärung (assessment), die Hilfeplanung mit der Zusammenstellung
von "care packages", die Koordination der vereinbarten
Unterstützung in ihrem Verlauf sowie deren Evaluation mit den
Nutzern. Die Sozialarbeiter haben damit eine Schlüsselfunktion
im sozialen und pflegerischen Dienstleistungssystem inne.
Mit Cordelia Grimwood (1996) ist festzustellen,
daß sich in Großbritannien in der Folge des National Health Service
and Community Care Act die Funktion der Sozialarbeiter in den
kommunalen Sozialbehörden grundlegend geändert hat. "Sozialarbeiter
der Social Service Departments erbringen nun nicht mehr die Dienste
im Sinne von case work bzw. fallbezogener Arbeit mit einzelnen
oder Familien. Sie agieren nun in der Rolle von Care Managern,
das heißt, sie planen und unterstützen die Entwicklung häuslicher
Pflegedienste und Tagespflegedienste von privaten und unabhängigen
Einrichtungen, die den Nutzern den Verbleib in ihrer häuslichen
Umgebung ermöglichen. Care Manager haben ... die Funktion, die
Bedarfe der Nutzer einzuschätzen und Leistungspakete zusammenzustellen,
die die individuellen Bedarfe, Präferenzen, Kosten sowie die
Zahlungsfähigkeit der Nutzer (also ihre Möglichkeiten zur Eigenbeteiligung)
berücksichtigt. Sie kontrollieren darüber hinaus die Kosten der
Dienste und sind darum bemüht, die höchste Kosteneffektivität
für das von den Steuerzahlern erbrachte Geld herauszuholen" (Grimwood
1996, 293). Als "Einkäufer" von Diensten haben die
Sozialarbeiter natürlich eine andere Beziehung zu ihrer Klientel
als dies unter therapeutischen Gesichtspunkten der Fall war.