Alltags- und lebensweltorientierte
Sozialarbeit
Daß sich die Profession besser auf den Alltag
und die gewöhnliche Lebenswelt ihrer Klientel denn auf ihre therapeutische
Behandlung beziehen sollte, hat Hans Thiersch bereits in den
Zeiten des Therapie-Booms ausgeführt: "Sozialarbeit kann
als Handeln im Alltag nicht ersetzt oder überformt werden durch
Therapien, die, indem sie ihre Probleme spezifisch strukturieren
und ihre Verfahren dementsprechend organisieren, immer auch jenseits
des Alltags agieren" (Thiersch 1978, 6). Mit Sozialer Arbeit
solle ein gelungener Alltag ermöglicht werden. Thiersch hat sein
Konzept der Alltags- und Lebensweltorientierung insbesondere
für die Jugendhilfe erläutert: Sie solle sich auf die Vielfältigkeit
und Komplexität gegebener Lebenserfahrungen und Lebensprobleme
beziehen, kompensatorisch wirken, um gegebene Ungleichheiten,
Schwächen, Benachteiligungen zu beheben und zur Bewältigung von
Belastungen beizutragen. (Thiersch 1992, 28 ff.)
Unter Lebenswelt ist nicht einfach die natürliche
Umwelt von Menschen zu verstehen. Sie ist vielmehr ein Horizont
der Selbstverständlichkeiten, von denen Menschen ausgehen und
in denen sie sich bewegen. Die Lebenswelt ist kulturell bestimmt
und sozial: in der Familie, am Arbeitsplatz und in anderen Lebensfeldern
und durch Zeitgenossenschaft. Begeben sich "Außenstehende" in
einen solchen Horizont, treten sie in einen Verständigungsprozeß ein,
ohne dabei ihren eigenen Erfahrungshintergrund aufzugeben. Der
Professionelle im sozialen Beruf zeichnet sich durch die Fähigkeit
aus, diese Verständigung einzuleiten, zu strukturieren und zu
unterhalten und dabei zielwirksam voranzukommen.
Soziale Arbeit leistet Hilfe zur Lebensbewältigung.
Dabei orientiert sie sich am Alltag der Menschen und begibt sich
in den Horizont ihres Denkens und Handelns. Alltäglichkeit versteht
Thiersch als einen Handlungsmodus in den konkreten Konstellationen
der Familie, der Schule, der Arbeitswelt und Freizeit. Dabei
hält sich der professionell Handelnde an die Erfahrungen der
Leute in ihren alltäglichen Bezügen und verbindet sie mit seinen
Wahrnehmungen der Zustände, in denen gelebt wird und in denen
die praktischen Aufgaben sich stellen.
In den vergangenen Jahrzehnten ist die berufliche
Sozialarbeit in vielen Beratungsdiensten und Therapieeinrichtungen
in eine "Aschenputtel"-Rolle gedrängt worden: Psychologen,
Lehrer, Psychiater nahmen sich in ihren fachlichen Bezügen der
Klientel an und überließen die weniger geschätzte Vor- und Nacharbeit
sowie die "therapieresistenten" oder sonstwie verqueren
Fälle gerne den Sozialarbeitern. Diese waren daran nicht unschuldig,
glaubten sie doch ihrerseits an eine herausgehobene Kompetenz
der Spezialisten. Die Alltags- und Lebensfeldorientierung stellt
auch einen Versuch dar, aus der Not der Zuständigkeit eine Tugend
zu machen: Soziale Arbeit zeichnet sich dadurch aus, daß sie
die dürftige Situation von Menschen ganzheitlich wahrnimmt und
in der Komplexität der jeweiligen Lage für Abhilfe sorgt.
Alltagsbegleitung heißt, sich mit der Lebenslage
(d.i. ein Komplex aus der Biographie, den Lebensentwürfen, der
inneren Verfassung und den äußeren Umständen) und Lebensweise
eines Menschen oder einer Familie vertraut machen und konkrete
Hilfe in dieser Situation zu leisten. Um was man sich dabei kümmert,
wird mit den Betroffenen abgesprochen. Unprofessionell ist es
allerdings, wenn dabei das Versorgungssystem und eine systematische
Erschließung informeller und formeller Ressourcen (in einem Netzwerk
der Unterstützung) unterbleiben. Die Alltagsbegleitung kann in
dieser Beschränkung von freiwilligen Mitarbeitern und von Angehörigen
verschiedener Berufe übernommen werden (vgl. Schroeder/Storz
1994). Wir sehen: hier verschwindet leicht jede Spezifität Sozialer
Arbeit.
Umgekehrt wahrt sie ihre Kompetenz mit einer
fundierten ökologischen Rundumorientierung - im Mikro-, Meso-
und Makrosystem gesellschaftlicher Lebensgestaltung und im individuellen
und familiären Haushalt der Lebensführung. Hier kann auf den ökologischen
Verständnis- und Handlungsansatz verwiesen werden, den in einer
Form Carel Germain und Alex Gitterman (1983) und den ich in einer
anderen Form entwickelt habe (Wendt 1982).