Sozialarbeit in ihrem Verhältnis zu Therapie
Im gewöhnlichen Fremdverständnis sind
die diplomierten Sozialarbeiter jedoch weiterhin "Fürsorger" oder "Sozialhelfer".
In ihrem Selbstverständnis erschien ihnen lange die Stellung
eines "Sozial-" oder "Soziotherapeuten" erstrebenswert,
wenn schon nicht die eines Psychotherapeuten. Der "Psychoboom" zwischen
1975 und 1985 erfaßte einen großen Teil der Sozialarbeiterschaft.
Erinnert sei auch an die (gescheiterten) Bemühungen, Sozialarbeiter
in das Psychotherapeutengesetz einzubeziehen. Wer eine Therapie
leistet, ist ein "Heiler" und abgehoben von der Misere
der Alltagsarbeit, in der nichts heil und fertig wird. In Kauf
genommen wird dabei eine Pathologisierung der Klientel.
Die Tendenz zur Therapeutisierung Sozialer Arbeit
ergab sich aus ihrer dienstlichen Konzentration auf Einzelhilfe.
Der Professionelle baut zu seinem Gegenüber eine "helfende
Beziehung" auf und legt in diese Beziehung seine ganze Befähigung.
Sozialarbeit erscheint als Beziehungsarbeit, und die methodischen
Regeln für sie sind zugleich die therapeutischen, ob nun psychoanalytisch
nach Freud oder non-direktiv und klient-zentriert nach Carl Rogers
oder themenzentriert nach Ruth Cohn oder gestalttherapeutisch
usw. Aus dem Beziehungsgeschehen ausgeklammert werden so profane
Dinge wie die Klärung rechtlicher Positionen und wirtschaftliche
Fragen. Die überläßt der therapeutisch orientierte Sozialarbeiter
gerne "der Verwaltung". Er möchte sich auf die psychosoziale
Problematik konzentrieren.
Fallen die berufliche Intervention, die Beziehungsaufnahme
und die Behandlung nicht zusammen, meint mancher Sozialarbeiter
seinem professionellen Anspruch nicht gerecht werden zu können.
So im Gesundheitswesen, wo Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter
vor allem komplementär-beratende Funktionen übernehmen. Am Behandlungsprozeß sind
sie nur am Rande beteiligt, nämlich bei Prozeduren der Aufnahme,
der Entlassung, der Überleitung und Weitervermittlung. Sie können
sich ihre Klienten selten auswählen und bestimmen nicht über
die Dauer und den Umfang ihrer Arbeit mit dem einzelnen Klienten.
Darüber wird in den Sozialdiensten der Krankenhäuser, der Psychiatrie
und der Gesundheitsämter geklagt. Die Mitarbeiter suchen nach
Auswegen. In der Vergangenheit häufig, indem man "aus dem
Feld geht", sich spezialisiert oder etwas anderes macht.
Wer nicht Therapeut werden kann, wird Supervisor
und übernimmt dann die Behandlung der Berufskollegen, die in
ihrem Arbeitsalltag und mit ihrer Rolle in Schwierigkeiten geraten.
Eine so verstandene Supervision legt Wert darauf, vom direkten
Dienst abgehoben zu sein. Man hat eine Zusatzausbildung gemacht
und betrachtet Supervision als einen eigenständigen Beruf.
Ein anderer Weg wird gegangen, wenn die Profession
sich offensiv selbst legitimiert: Was ist ihr gesundheitsbezogenes
Produkt, und wie stellt sie es her ? Sozialarbeit arbeitet mit
Menschen an deren Lebenssituation und Lebensführung. Sie unterstützt,
aktiviert und bestärkt Einzelne und Gruppen darin, in ihrer Lage
zurechtzukommen und Probleme zu bewältigen. In Hinblick auf das
System der gesundheitlichen Versorgung dürfte es angebracht sein
zu betonen, daß diese Bewältigung nicht in stationären Einrichtungen
erfolgt, sondern prinzipiell selbständig, eigenverantwortlich
und in dem "Setting", in das die Umstände und das Schicksal
einen Menschen und seine Angehörigen gestellt haben.
In gesundheitlichen Belangen ausbauen sollte
die berufliche Sozialarbeit mithin ihre soziosomatische Kompetenz.
Was ist damit gemeint ? Die Steuerung des Gesundheits- und Krankheitsgeschehens
erfolgt in der ganzen persönlichen und sozialen Lebensweise und
Lebensführung. Auf der Mikroebene eines Menschen in Wechselbeziehung
von äußerer Steuerung und innerer (psychoneuroimmunologischer)
Steuerung, von äußerer Disposition und internem Disponiertsein.
Sozialarbeiter sollten sich mit diesen Regulationsvorgängen auskennen
und auf sie Faktoren der sozialen Lage und des - gesundheitsschädlichen
und/oder gesundheitsförderlichen Verhaltens von Personen in ihrem
Alltag beziehen.