Professionalisierung von Sozialarbeit - eine offene
Entwicklung
Prof. Dr. Wolf Rainer Wendt
Wenn wir Rehabilitation in der Arbeit sehr groß schreiben
und sehr weit fassen, brauchen wir ihren sozialen Charakter nicht
eigens betonen. Menschen wollen fähig sein, sich entwickeln können,
anerkannt werden, mit sich und ihrer Umwelt auskommen. Sie schätzen
es, wenn eine Berufstätigkeit dazu beiträgt, gleichgültig wie
sie sich ansonsten verstehen mag. Darin haben wir bereits das
Dilemma Sozialer Arbeit vor uns.
Im Gesundheitswesen von der Professionalisierung
der Sozialarbeit reden, heißt heute fragen, ob und wie sie sich
unter dem Reformdruck und in der Konkurrenz zu anderen Berufen
behaupten kann. Das professionelle Selbstverständnis, ohnehin
nicht fest ausgeprägt, wird von mehreren Seiten in Frage gestellt.
Wirtschaftlich, indem der Nutzen von Sozialarbeit zweifelhaft
erscheint (wenn gespart werden muß, warum nicht am Sozialdienst
?). Fachlich, da sich die professionelle Pflege in ihrem Aufgabenverständnis
verbreitert. Sie greift fachlich von extern in den Besitzstand
des Sozialarbeiterberufes ein. Was meinen wir heute und morgen,
wenn wir (einheitlich) von "sozialpflegerischen Berufen" reden
? Und von intern wird das professionelle Selbstverständnis Sozialer
Arbeit in Frage gestellt, wenn sich jedes Spezialgebiet in seiner
Besonderheit darstellt und als "Beratung", Kinder-
und Jugendhilfe, Erlebnispädagogik, Sozialtherapie, Bewährungshilfe
usw. ihren Charakter als Soziale Arbeit immer weniger zu erkennen
gibt. Methodisch ist das professionelle Handeln zudem problematisch
geworden, da der berufliche Umgang mit dem Bürger, dessen Eigenverantwortung
in seinen gesundheitlichen Belangen gestärkt werden soll, weniger
fürsorgliches Handeln und mehr Kompetenz in der Kooperation und
Koordination verlangt.
Unter diesen Vorzeichen will ich das mir gestellte
Thema unter mehreren Gesichtspunkten betrachten:
Eine Profession ist ein Beruf, der sich durch
die Bedeutsamkeit seines Wissens und Könnens auszeichnet. Dessen
Niveau hebt eine Profession von anderen Berufstätigkeiten ab.
Mit dem Anspruch, den die Profession vertritt, ist in erster
Linie die soziale Bedeutsamkeit gemeint. Sie stellt sich allerdings
im Selbstverständnis der Professionellen und im Fremdverständnis
dieser Berufstätigkeit unterschiedlich dar. Diese Unterschiede
nötigen zu einem beständigen Diskurs über die Identität beruflicher
Sozialarbeit: sie muß sich ausweisen (vgl. Wendt 1995 a, 11 ff.).
Dabei setzt sie sich mit populären und mit akademischen Sichtweisen
auseinander. Sie kann sich zum Beispiel auf die "analytische
Folie" beziehen, die Bernd Dewe u.a. (1993) mit drei Konzepten
der Professionalisierung anbieten:
- der Sozialpädagoge und Sozialarbeiter als "professioneller
Altruist",
- der Sozialarbeiter und Sozialpädagoge als "Sozialingenieur",
- der Sozialarbeiter und Sozialpädagoge als "stellvertretend
Deutender", also in hermeneutischer Funktion. (Dewe
u.a. 1993, 26 ff.)
In jeder dieser Hinsichten sollte er ein expertokratisches
Mißverständnis vermeiden: Der Experte "weiß" wissenschaftlich,
wie ein Problem gelöst wird. Der Laie kommt zu ihm und überträgt
ihm die Problemlösung. In sozialen Belangen scheitert diese Expertokratie:
der Altruist "brennt aus"; der Sozialingenieur paßt
die Problematik eher seinen Methoden an als umgekehrt; der Hermeneut "erklärt" eine
Situation, in der er sich nicht befindet und die mit seinen Erklärungen
(allein) nicht bewältigt wird. Es sei denn, er agiert als Bürger
mit Bürgern in Bearbeitung gemeinsamer Angelegenheiten.