Sozialarbeit mit Dialysepatienten
- Vergangenheit und Zukunft
Peter Reinicke
Vergangenheit
Behandlungsmöglichkeiten für Nierenkranke mit der "Künstlichen
Niere", eines Ersatzes der Nieren durch eine Maschine, in
Form der Dauerdialyse, begannen in Deutschland 1963. Die erste
Heimdialyse, das Gerät stand in der Wohnung des Patienten, wurde
in Berlin am 8. 5. 1968 durchgeführt.
Die Erfahrungen im Umgang mit der Maschine und die daraus resultierenden
Abhängigkeiten für den Patienten, sein soziales Umfeld und das
Behandlungs- und Betreuungsteam zeigten, daß eine kontinuierliche
Mitarbeit von Sozialarbeitern notwendig und sinnvoll war. Die
genannten Erkenntnisse, Zunahme der Dauerdialysepatienten und
der Ausbau der Heimdialyse gaben in Berlin den entscheidenden
Anstoß für diesen Schritt, Sozialarbeit mit Dialysepatienten
zu entwickeln. Es war Karin Engel, die 1972/73 diesen neuen Aufgabenbereich
der Sozialarbeit im Klinikum Charlottenburg aufbaute. Ein Kennzeichen
ihrer Arbeit war von Anfang an eine enge Zusammenarbeit mit Ärzten,
Pflegekräften und den Patienten.
1974 gab es in der Bundesrepublik Deutschland einschließlich
Berlin (West) 192 Dialysezentren, davon 75 verbunden mit dem
Angebot von Heimdialyse. Die Zahl der in diesen Einrichtungen
tätigen Sozialarbeiter kann nur geschätzt werden. Etwa 30-40
Sozialarbeiter waren zu diesem Zeitpunkt im Bereich der Dialyse
tätig, in einzelnen Einrichtungen wurden diese Aufgaben von Ärzten,
Psychologen, Krankenpflegekräften wahrgenommen.
Entwicklung und Fragen der Heimdialyse
in Berlin
Im März 1975 führten in Berlin 4 Kliniken Dialysetraining durch.
Das Klinikum Charlottenburg hatte 8, das Klinikum Steglitz 4,
das Städtische Krankenhaus Moabit 4 und das St. Joseph-Krankenhaus
2 Trainingsplätze.
Sozialarbeit und Heimdialyse
"Als neues Aufgabengebiet innerhalb der Sozialarbeit beschreibt
(bereits) Reinicke (1975) die Funktion des Sozialarbeiters auf
einer Heimdialyseabteilung und fordert, daß der Arbeitsplatz
des Sozialarbeiters im Krankenhaus (Dialysezentrum) angesiedelt
sein muß", konnte Karin Engel im Nachrichtendienst des Deutschen
Vereins berichten. Sie bezog sich dabei auf den Anfang 1975 in
der Zeitschrift des Deutschen Berufsverbandes der Sozialarbeiter
erschienenen Artikel "Neues Aufgabengebiet für Sozialarbeiter",
in dem die Bereiche der Beratung und Betreuung von Dialysepatienten
durch die Sozialarbeit behandelt wurden. Nach den Berliner Erfahrungen,
setzte eine erfolgreiche Rehabilitation der Dauerdialysepatienten
(Heimdialysepatienten) voraus, daß medizinische und psychosoziale
Faktoren im Trainingsprogramm Berücksichtigung fanden. Arzt,
Pflegekräfte und Sozialarbeiter mußten gemeinsam tätig werden,
um dieses Ziel zu erreichen. Die absolute Abhängigkeit von einer
Maschine, mit ihren Stärken und Schwächen, war für alle Beteiligten
in dieser Form eine neue bis dahin unbekannte Erfahrung. Die
Rehabilitation der betroffenen Patienten erforderte andere methodische
Schritte. Von allen Beteiligten waren neue Ideen in der Vorgehensweise
gefragt. Das Leben mit der Maschine erforderte vom Patienten,
seiner Familie, seinem sozialen Umfeld und seinem Arbeitsbereich
eine aktive Mitgestaltung. Zu dieser Zeit lagen auch keine Erfahrungen
aus anderen Bundesländern oder dem Ausland vor, auf die zurückgegriffen
werden konnten. Aus Berliner Sicht konnte die Erfüllung dieser
neuen Aufgabe nur unter Beteiligung der Sozialarbeit erreicht
werden. Voraussetzung war, daß der Sozialarbeiter neben seinen
bekannten Qualifikationen die erforderlichen Kenntnisse über
das Krankheitsbild und die mit der Dauerdialyse verbundenen psychosozialen
Faktoren besaß. Der Senator für Gesundheit und Umweltschutz in
Berlin setzte sich für dieses neue Aufgabengebiet ein. Dazu war
es notwendig, einen speziellen Schlüssel für die Personalbemessung
festzulegen, um einen bedarfsgerechten Einsatz zu gewährleisten.
Erfahrungen hatten gezeigt, daß die Arbeit mit Dauerdialysepatienten
(Heimdialysepatienten) so vielfältige Anforderungen an die Berufsgruppe
stellte, daß 1 Sozialarbeiter nicht mehr als 50 Patienten betreuen
konnte. Für den Bereich der Krankenhäuser war diese Bemessungsgrundlage
neu, da nicht die Zahl der Betten, sondern die der Patienten
maßgebend war.
Die von den Sozialarbeitern gewählte methodische Arbeitsform
war die Soziale Einzelhilfe unter Einbeziehung der Familie. Sie
schien aufgrund ihrer Zielsetzung das geeignete Instrument, den
Patienten zu befähigen, seine individuellen und gesellschaftlichen
Konflikte zu erkennen und geeignete Wege zu finden, sie zu überwinden.
Ein Ansatz, der auch aus ärztlicher Sicht überzeugte. Es galt,
den Patienten zur Entfaltung der eigenen Kräfte anzuregen, ihn
zu aktivieren. Beachtet werden mußte der Grundsatz: "Dort
anfangen, wo der Patient steht". Ziel der Dialysebehandlung
war, neben der Erhaltung des Lebens, eine umfassende Rehabilitation
einschließlich der Aufrechterhaltung der Berufstätigkeit zu erreichen.
Der Patient wurde angesprochen, selbst aktiv zu werden. Bisher
mußte er sich passiv verhalten, war meist Objekt der medizinischen
Behandlung. Jetzt sollte und mußte er zu einem eigenen Leistungs-
und Gesundheitswillen geführt werden. Diese Vorgehensweise war
neu für das Verhältnis Arzt/Patient. Der Patient und sein soziales
Umfeld waren darauf nicht vorbereitet. Ängste und Bedenken des
Patienten, die seine Behandlung beeinflussen konnten, wirkten
sich auch auf seine Familie und das soziale Umfeld aus. Der Sozialarbeiter
erhielt und übernahm hier eine wichtige Funktion. Er plante und überlegte
gemeinsam mit den Rat- und Hilfesuchenden, welche Wege der Hilfe
möglich und realistisch waren. Leitmotiv für diesen Hilfeprozeß war
nach Karin Engel das Prinzip "Ich-bin-für-Dich-da".
Durch das mögliche Übergreifen der Probleme vom Patienten auf
die gesamte Familie erweiterte sich auch die sozialarbeiterische
Aufgabenstellung, die nach Karin Engels Auffassung "größere
Gebiete als die übliche Krankenhausfürsorge" umfaßte.
Michael Kessel, Leiter der Nephrologischen Abteilung des Klinikums
Charlottenburg, konnte 1975 berichten, daß insgesamt eine positive
Entwicklung eingetreten sei. Er schrieb, wer "bei der ersten
Dialysebehandlung in Berlin noch den Aufwand an Zeit und Personal
für einen Patienten und eine Dialyse und wie mancher Arzt noch
das Sterben eines jeden Schrumpfnierenkranken erlebt hat, wird
trotz aller noch vorhandenen Unzulänglichkeiten und noch zu bewältigender
Aufgaben den Fortschritt nicht nur auf Grund statistischer Zahlen
erkennen können."
Selbsthilfe
Erste Selbsthilfebemühungen von Dialysepatienten sind aus Berlin
bekannt. 1974 schlossen sich innerhalb des Verbandes der Kriegs-
und Wehrdienstopfer, Behinderten und Sozialrentner Deutschlands
e. V. (VdK) Dialysepatienten zu einer Interessengemeinschaft
(Fachschaft Dialyse) zusammen. Sie trafen sich regelmäßig, hatten
ein Leitungsgremium, das die Organisationsaufgaben übernahm.
In Abständen führte die Interessengemeinschaft, gemeinsam mit
Kliniken und Vertretern von Senatsverwaltungen, Besprechungen
durch. Im Mittelpunkt standen u. a. Fragen der materiellen Versorgung
und der psychosozialen Betreuung der Dialysepatienten. Unzureichend
gelöste Probleme waren zu dieser Zeit u. a. die Gewährung von
Hauspflegegeld gemäß § 185 RVO an die Betreuungsperson, das Führen
von Kraftfahrzeugen durch Dialysepatienten.
Anfangs stand im Mittelpunkt der Erfahrungsaustausch und Fragen
des sozialen Status, der die Mitglieder der Fachschaft Dialyse
interessierte. In den Gesprächen und Gruppentreffen standen häufig
Bemühungen im Vordergrund, Antworten zu dem Komplex Abhängigkeit
von der Maschine, ihren vielfältigen Folgen und ungelösten Fragen
zu finden. Ein Mitglied der Gruppe war 1974 bereits 8 Jahre Dialysepatient,
damals der in Berlin am längsten mit der Maschine Lebende. Wie
lange geht es noch mit der Maschine, was gibt es für Alternativen?
Möglichkeiten einer Transplantation befanden sich im Anfangsstadium.
Karin Engel sah Schwierigkeiten für die Mitarbeit der Dialysepatienten
in den Selbsthilfegruppen. "Sofern sich der Patient nicht
nur vorübergehend anderen zur Beratung anbietet, wird er in Kürze
durch die vielfältigen Probleme des anderen derart belastet,
daß letztlich die gesamte Therapie wieder für ihn primär wird
und nicht mehr sekundär bleibt." Sie beschrieb auch Grenzen
der Selbsthilfe. "Fachliche Gruppenarbeit durch Psychologen
oder Sozialarbeiter mit Zusatzausbildung ist bisher wegen des
Fehlens dieser Kräfte nicht möglich." Ihr Vorschlag war,
diesen Dialysevereinen Wege aufzuzeigen, wo sie Unterstützung
für "wirkungsvolles Handeln" bekommen könnten. Später
entwickelte sich die Selbsthilfebewegung der Dialysepatienten
auch in anderen Ländern der Bundesrepublik Deutschland und überwand
die beschriebenen Anfangsschwierigkeiten.
Sozialpolitische Fragestellungen
für Dialysepatienten
1975 war die Wohnraumvergabe für Heimdialysepatienten eine ungelöste
Aufgabe. Für das Aufstellen des Dialysegerätes wurde ein eigener
Wohnraum benötigt, Strom- und Wasserzufuhr mußten gewährleistet
sein. Eine nicht den Behandlungsansprüchen entsprechende Wohnung
konnte den Aufenthalt in einer Klinik, an der Zentrumsdialyse,
erheblich verlängern und nicht unbeträchtliche Kostensteigerungen
verursachen. Aus der Sicht der Sozialarbeit sollte die Gewährung
der höchsten Dringlichkeitsstufe bei der Wohnraumvergabe für
diese Patientengruppe zuerkannt werden. Die amtsärztliche Stellungnahme
zur Wohnraumvergabe für Heimdialysepatienten sollte aus diesen
Gründen die Formulierung "äußerst dringend" enthalten.
Ungeklärt war auch die Fragestellung der Fahrerlaubnis für Dialysepatienten.
Hier gab es unterschiedliche Auffassungen zwischen dem Polizeipräsidenten
in Berlin und medizinischen Fachvertretern. Die Senatsverwaltung
Gesundheit und Umweltschutz Berlin entschied sich für die Position, "daß in
konkreten Zweifelsfällen ein Gutachten des zuständigen Dialysezentrums
angefordert werden sollte." Nur eine Genehmigung zur Fahrgastbeförderung
wurde aus grundsätzlichen Erwägungen generell abgelehnt. Der
Polizeipräsident schlug vor, medizinisch-psychologische Untersuchung
bei allen Dialysepatienten durchzuführen. Es wurde Kritik angemeldet.
Letztendlich müßte dann Jeder, auch der Gesunde, untersucht werden.
Dem Vorschlag der Medizin und der Gesundheitsverwaltung schloß sich
der Vorsitzende des beim Bundesminister für Verkehr und beim
Bundesminister für Familie, Jugend und Gesundheit gebildeten "Gemeinsamen
Beirates für Verkehrsmedizin", Lewerenz, Hamburg, an.
Die Dialysepatienten wurden von der Zahlung der Kraftfahrzeugsteuer
befreit, da sie in der Regel eine MdE (heute GdB) von 100% erhielten.
Sozialarbeit und Kuratorium für Heimdialyse
Die Weiterentwicklung der Dialysebehandlung und der Medizintechnik
ermöglichte andere Formen der Hilfeangebote. 1976 sollte die
Betreuung der Dialysepatienten in Krankenhäusern und durch Heimdialyse
in Berlin zugunsten einer Versorgung in Dialysezentren verändert
werden. Das Kuratorium für Heimdialyse e. V. in Frankfurt (KFH)
schloß mit der Berliner Krankenhausgesellschaft (BKG) und der
Senatsverwaltung für Gesundheit und Umweltschutz eine "Heimdialysevereinbarung".
Aus der Berliner Erfahrung war es wichtig, darin zu vereinbaren,
daß neben Ärzten, Pflegekräften und Dialysetechnikern der Einsatz
von Sozialarbeitern bei der Betreuung von Dialysepatienten weiterhin
gewährleistet blieb. Diese Betreuungsform hatte sich in Berlin
bewährt. In Verhandlungen zwischen den Beteiligten wurde erreicht,
daß das KFH die von ihm zu betreuenden Patienten, wie bisher
in Berlin, auch durch Sozialarbeiter betreuen läßt.
In einer Veranstaltung am 15. 4. 1977 im Klinikum Charlottenburg,
anläßlich der Eröffnung von 3 Dialyse-Zentren durch das KFH, äußerte
der Berliner Gesundheitssenator Pätzold: "Das Verfahren
der Dialyse ist ein Beispiel dafür, daß der Fortschritt der medizinischen
Technik es möglich macht, wenn auch mit erheblichen Kosten, Menschen
am Leben zu erhalten und ihnen sogar eine individuelle Lebensgestaltung
zu ermöglichen, die noch vor 10 Jahren oder 20 Jahren mit Sicherheit
gestorben wären. Trotz des unerläßlichen technischen Aufwandes
ist aber auch bei diesen Patienten ein großes Maß an menschlicher
Zuwendung notwendig, das gerade auch in Berlin von Ärzten, Schwestern
und Sozialarbeitern in vorbildlicher Weise erbracht wird."
Erfahrungsaustausch und Fortbildung
für Sozialarbeiter im Gesundheitswesen
Seit 1974 erscheint in Berlin regelmäßig halbjährlich ein Fort-
und Weiterbildungsprogramm für Sozialarbeiter im Gesundheitswesen.
Zugelassen zur Teilnahme waren Sozialarbeiter anderer Verwaltungen
und Träger. Ab 1979 wurde es auf alle Berufsgruppen, die im öffentlichen
Gesundheitsdienst arbeiteten, erweitert. Der Themenkomplex Dialyse
gehörte zum Fortbildungsangebot.
1974 wurden Sozialarbeiter der Beratungsstellen für Behinderte
und Sozialarbeiter aus Kliniken über die Probleme der Dauer-
und Heimdialysebehandlung aus der Sicht der Medizin und der Sozialarbeit,
Referenten Karin Engel und Dr. Castro, Klinikum Charlottenburg,
informiert. Ende Oktober 1975 fand eine Fortbildungsveranstaltung
der Senatsverwaltung für Gesundheit und Umweltschutz für Sozialarbeiter
aus der Bundesrepublik Deutschland, die mit Dialysepatienten
arbeiteten, in Berlin statt. Im Mittelpunkt stand der Erfahrungsaustausch
mit dem Ziel, einzelne Aufgabenbereiche und Schwerpunkte der
Arbeit kennenzulernen. Die Arbeitsfelder sollten miteinander
verglichen und Unterschiede herausgearbeitet werden (Istsituation).
Zusammenhänge zwischen Krankheit (Dialyse), sozialem Verhalten,
Probleme mit Familie und Beruf wurden anhand wissenschaftlicher
Daten erörtert und Fragen der Zusammenarbeit von Mitarbeitern
der Dialyseeinrichtungen behandelt. Die Erstellung eines Aufgabenkataloges
(Sollsituation) für die Betreuung von Dialysepatienten gehörte
zum Programm der Veranstaltung. Ewähnung fand die Veranstaltung
im Nachrichtendienst des Deutschen Vereins als ein Beispiel der
Fortbildung für Sozialarbeiter im Gesundheitswesen. Teilnehmer
waren Sozialarbeiter, Ärzte, Psychologen, und Krankenschwestern.
In einzelnen Kliniken war zu dieser Zeit noch kein Sozialarbeiter
für die Betreuung der Dialysepatienten tätig.
Bereits Ende Februar/Anfang März 1975 fand in Berlin ein Heimdialyse-Symposium
für nichtärztliche Mitarbeiter aus allen Teilen der Bundesrepublik
Deutschland statt. Veranstalter war ein Unternehmen der Medizintechnik.
Ein Themenkomplex war die psychosoziale Betreuung, die Beachtung
der familiären Verhältnisse der Patienten, Fragen nach den geeigneten
Betreuungspersonen für Heimdialysepatienten, Kooperationsprobleme
und die Durchführung von Hausbesuchen. Nach Auffassung von Heinze,
Freiburg, sollten die genannten Problembereiche von Pflegekräften
geklärt und abschließend beurteilt werden. Ein weiterer Aspekt
in diesem Zusammenhang war, welche Voraussetzungen muß eine Pflegekraft
für diese Aufgabe mitbringen. Aus der Sicht Heinzes reichte dafür
das Interesse an sozialmedizinischen, psychologischen und pädagogischen
Belangen. Eine damals vertretene Gegenposition war, daß Pflegekräfte
mit diesem Aufgabenkatalog überordert seien und es sinnvoll wäre,
für diese Aufgaben Sozialarbeiter heranzuziehen. 1975 bestand
ein Mangel an sozialarbeiterischen Fachkräften, so daß es schwierig
war, diesen Vorschlage in der Praxis umzusetzen.
Eine weitere Fragestellung für die Sozialarbeit war, welche
Bemessungszahlen sollten zugrundegelegt werden, um eine optimale
Arbeit mit und für Dialysepatienten zu leisten. Nach einer bereits
1975 vertretenen Position mußte sich ein Betten- oder Patientenschlüssel
nach Art, Häufigkeit und Intensität der notwendigen Hilfeleistungen
richten. Es ist anzumerken, daß das Ziel einer erfolgreichen
medizinischen und sozialen Rehabilitation oder eine rechtzeitige Überleitung
bzw. Entlassung des Patienten im Sinne einer effektiven und kostensparenden
Tätigkeit einen erhöhten Einsatz von Sozialarbeitern rechtfertigt.
1976 war in den städtischen Krankenhäusern Berlins ein Sozialarbeiter
für etwa 250 Betten zuständig, in Sonderbereichen, beispielsweise
auf Stationen für Neurosekranke, Alkoholkranke und in Tag- und
Nachtkliniken für 50 Betten und im Aufgabenbereich der Betreuung
von Dialysepatienten ein Sozialarbeiter für 50 Patienten.
Durch eine parlamentarische Anfrage fand 1977 das Thema Dialyse
Interesse im Berliner Abgeordnetenhaus. Der Senat von Berlin
belegte in seiner Antwort, daß für Patienten, die an eine künstlichen
Niere angeschlossen werden mußten, ausreichend Dialysegeräte
zur Verfügung standen. Die Versorgung mit Dialysegeräten sei
für alle Altersgruppen gesichert und für die Anwendung dieser
Behandlungsmethode sei allein die medizinische Notwendigkeit
und nicht das Alter eines Patienten maßgebend gewesen. Es wurde
auch darauf hingewiesen, daß kein Patient aufgrund finanzieller
Notlagen von der Behandlung ausgeschlossen werde. Die Frage,
ob Patienten unter 15 bzw. über 45 Jahren von dem Anschluß ausgeschlossen
gewesen seien, wurde mit Nein beantwortet. In Berlin waren in
diesem Zeitraum, Stand: 24. 2. 1977, 24 stationäre Dialysepatienten,
125 Heimdialysetrainingspatienten und 142 Heimdialysepatienten
bekannt. Davon war 1 Patient jünger als 15 Jahre und etwa 2/3
der Patienten älter als 45 Jahre.
Die Antwort zeigte, daß in Berlin bereits sehr früh der sozialen
Betreuung der Dialysepatienten Bedeutung beigemessen wurde. "Aufgrund
eines Sonderschlüssels betreut 1 Sozialarbeiter bis zu 50 Dialysepatienten." Etwa
85% aller Dauerdialysepatienten befanden sich in Berlin zu dieser
Zeit im Heimdialyseprogramm. In den übrigen Bundesländern waren
es vergleichsweise nicht mehr als 30-40%. In der Antwort hieß es
abschließend: "Der hohe Prozentsatz von Heimdialysepatienten
ist der Aufgeschlossenheit der Patienten und ihrer Angehörigen
zuzuschreiben, wäre aber nicht erreichbar ohne den frühzeitigen
Einsatz von Sozialarbeitern, die ihnen bei der Lösung all der
Probleme helfen, die durch die Abhängigkeit von der künstlichen
Niere für den Patienten entstehen." In der Antwort einer
weiteren parlamentarischen Anfrage Ende Oktober/Anfang November
1977 zum Thema Sozialdienst im Krankenhaus wurde die Aussage
zur Personalbemessung für Dialysepatienten wiederholt.
Das Schwerpunktprogramm für 1979 der Senatsgesundheitsverwaltung
Berlin schlug eine Intensivierung der Betreuung von Patienten
im Krankenhaus vor. Um dieses zu erreichen, so der Vorschlag,
müßten die Schlüsselzahlen überprüft und den neuen Erkenntnissen,
beispielsweise der intensiveren Betreuung von chronisch Kranken
und Langliegern, angepaßt werden. Die Sozialdienste müßten von
fachfremden Aufgaben zugunsten einer intensiveren Beratung und
Betreuung der Patienten, entsprechend den damals gültigen Ausführungsvorschriften
für den Sozialdienst im Krankenhaus, durch Einsatz von Verwaltungs-
und Schreibkräften entlastet werden, lautete der Vorschlag.
Zukunft
Aufgrund ihrer Ausbildung sind Sozialarbeiter geeignet, sowohl
im Bereich der psychosozialen Hilfen als auch im Bereich der
materiellen und rechtlichen Hilfen entsprechende Beratung und
Betreuung anzubieten. Aufgaben der Beratung und Betreuung von
Dialysepatienten und die in diesem Zusammenhang zu leistenden
Hilfen umfassen bei einer ganzheitlichen Betrachtung Gesundheits-
und Krankheitsaspekte und Hilfen im Rahmen von Maßnahmen zur
ambulanten und stationären Rehabilitation.
Unterstützende Aussagen zur Sozialarbeit im Gesundheitswesen
trafen der Deutsche Verein und der Bundesgesundheitsrat. Beide
Positionen besitzen noch heute Gültigkeit. Nach einer Stellungnahme
von 1978 des Deutschen Vereins für öffentliche und private Fürsorge
erfordert die Tätigkeit im Gesundheitsbereich "ein Verständnis
von Gesundheit und Krankheit, das die gegenseitige Abhängigkeit
aller Lebensbezüge bei Entstehung, Verlauf, Heilung oder Chronifizierung
im Blick hat. Hierbei muß der Arzt die soziale Komponente der
Krankheitsgenese und der Sozialarbeiter bzw. Sozialpädagoge die
Realität von Krankheit und bedrohter Gesundheit richtig einzuschätzen
imstande sein." Dabei wird von einer partnerschaftlichen
Zusammenarbeit ausgegangen. Der Sozialarbeiter bringt Erkenntnisse über
die soziale Situation des Patienten, seiner Angehörigen und des
sozialen Umfeldes ein. Seine Hilfeangebote werden durch methodisches
Handeln unterstützt. Der Sozialarbeiter sollte "den Klienten
erforderlichenfalls zur Aufnahme und Durchführung einer angezeigten
medizinischen Betreuung oder Nachbetreuung" anregen. Zur
Abklärung medizinischer Befunde sollte er immer einen Arzt hinzuziehen. "Fragestellungen
aus den Bereichen der Psychosomatik, der chronischen Erkrankungen
und Behinderungen und der psychischen Störungen" kommt besondere
Bedeutung zu, diese muß er beachten. Für das berufliche Handeln
der Sozialarbeiter "sind in diesem Zusammenhang auch Kenntnisse
der Organisation und der rechtlichen Grundlagen der Gesundheitshilfen" unverzichtbar.
Er muß auch veränderten rechtlichen und sozialpolitischen Veränderungen
Rechnung tragen. Beispiele dafür sind die Regelungen der Gesetzlichen
Krankenversicherung (SGB V) und des Sozialen Pflegeversicherungsgesetzes
(SGB XI). Eine weitere Aussage im Bereich gesundheitlicher Hilfen
traf bereits 1976 der Bundesgesundheitsrat, die auch für die
Arbeit mit Dialysepatienten gilt. "Sozialarbeit ist eine
gesellschaftliche Funktion, die nicht nur mit Verhütung, Aufdeckung
und Behandlung von sozialen Konflikten zu tun hat, sondern über
die Hilfe in konkreten Notständen hinausgehen muß. Sie soll nicht
nur Notstände verhüten, mindern oder beseitigen, sondern auch
zur Lebensgestaltung und zur Erschließung von Bildungsmöglichkeiten
beitragen, um auf bildungs-, gesundheits- und sozialpolitischem
Gebiet wirksam zu werden."
Die Aufgabenbeschreibung der Sozialarbeit im Komplex "Rehabilitationsgeschehen
für Ältere" im ersten Altenbericht der Bundesregierung 1993
läßt erkennen, daß der Sozialarbeit große Bedeutung beigemessen
wird. "Eng mit psychologischen Bemühungen sind Maßnahmen
zur sozialen Wiedereingliederung verbunden. Gespräche mit Patienten
und Angehörigen können Problembewußtsein für die geänderte Lebenssituation
erzeugen, Beratung und Auskunft über verschiedene Hilfsmöglichkeiten
anbieten sowie soziale Hilfen einleiten oder vermitteln. Leider
ist der Sozialdienst in den Krankenhäusern der Bundesrepublik
Deutschland meist ungenügend ausgestattet oder fehlt ganz, so
daß die hier angesprochenen notwendigen Aufgaben nur unzureichend,
manchmal gar nicht gelöst werden. Sozialdienst wird ferner nicht
flächendeckend angeboten; weiterhin besteht ein deutliches Stadt-Land-Gefälle.
Ein intensiver Ausbau ist dringend erforderlich."
Berufspolitik/Interessenvertretung
Sozialarbeiter, die mit Dialysepatienten arbeiten, gründeten
eine Arbeitsgemeinschaft "Sozialarbeit in der Dialyse".
Sie folgten damit dem Beispiel der "Bundesarbeitsgemeinschaft
der Sozialarbeiter/Sozialpädagogen für Hör-Sprach-Geschädigte
e. V.", Sitz Münster, die vor etwa 10 Jahren diesen Schritt
vollzog. Diese Zusammenschlüsse zeigen einen Weg, Betreuungsbereiche
in das Blickfeld der Öffentlichkeit zu bringen, die nicht so
spektakulär sind und die nur wenige Fachleute kennen. Sozialarbeiter
sollten in diesem Zusammenhang auf die Erfahrungen der Pionierinnen
zurückgreifen. Schon 1915 richteten diese an ihre Berufskollegen
die Forderung: "Wir brauchen eine Berufsorganisation, die
die Interessen unseres Berufes vertritt!" Dieser Aufruf
hat im übertragenen Sinne, bezogen auf heutige Ideen und Probleme
nichts von seiner Aktualität verloren.
Ein erfolgreiches Wirken der Sozialarbeit in der Gesellschaft
im Sinne eines professionellen Handelns ist nur möglich, wenn
ihr Interesse vertreten wird. Die berufspolitische Vertretung
ist eindeutig eine Schwachstelle des Berufes. Vjenka Garms-Homolová hat
bereits beim ersten Symposium 1994 der Arbeitsgemeinschaft "Sozialarbeit
in der Dialyse" auf diese Situation hingewiesen. Die Anliegen
der Arbeitsgemeinschaft benötigen eine größere Öffentlichkeit
und eine breitere Vertretungskompetenz. Hans-Claus Leder schrieb
in der "Sozialen Arbeit" Heft 10-11/1992 "Die
Zahlen der Adressaten ihrer beruflichen Handlungen (Klienten)
scheinen gleichzeitig immer zahlreicher zu werden. Die Komplexität
der sozialen Problem- und Notlagen auch. Das verdiente die kompetentere
Bearbeitung durch professionell möglichst gut ausgestattete Berufsangehörige." Leders
Forderung: Der Beruf muß Eigeninitiative zur Interessenvertretung
und zur Professionalisierung entwickeln.
Es bestehen genügend Anlässe, dieser Frage ernsthaft nachzugehen.
Betrachtet man beispielsweise den Bereich der Krankenhäuser,
so ist belegt, daß in 11 Bundesländern der Sozialdienst im Krankenhaus
in den Krankenhausgesetzen erwähnt wird. In den Gesetzen der
Länder Bayern, Bremen, Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Schleswig-Holstein
fehlt er. Die gesetzlichen Regelungen für Krankenhäuser des Landes
Sachsen schreiben für den Sozialdienst einen Bettenschlüssel
von 1 : 400 vor. Diese kritikwürdigen Positionen aus der Sicht
der Sozialarbeit müssen von ihr aufgegriffen und hinterfragt
werden. In einer Zeit, wo Interessengegensätze verstärkt aufeinanderstoßen,
wo neue Konzepte der Betreuung und Versorgung von Patienten im
Krankenhaus und außerhalb diskutiert werden, muß sich die Sozialarbeit
dieser Auseinandersetzung stellen.
Einen Weg bietet eine verstärkte Öffentlichkeitsarbeit. Sozialarbeiter
sollten sie als einen wichtigen Teil ihrer Arbeit ansehen. Die Öffentlichkeitsarbeit
darf nicht erst einsetzen, wenn ein Problem entsteht, wenn Stellen
gestrichen werden sollen usw. Hans Mohl, ZDF-Moderator, formulierte: "Öffentlichkeitsarbeit
sollte die Öffentlichkeit darüber informieren, was für die Öffentlichkeit über
die eigene Arbeit, die eigenen Probleme, Wünsche und Forderungen
wichtig ist, was die Öffentlichkeit aus eigenem Interesse wissen
sollte." Diese Informationen sollten erhalten: die breite Öffentlichkeit,
eine interessierte Öffentlichkeit, eine desinteressierte Öffentlichkeit,
die bundesweite Öffentlichkeit, die regionale Öffentlichkeit
oder Zielgruppen: Kranke, Patienten, Betroffene, Mitbetroffene,
Fachzeitschriften, Fachhochschulen, Fachoberschulen, andere Berufsgruppen,
Politiker, staatliche und kommunale Stellen, Stellen der freien
Wohlfahrtspflege, Journalisten auf lokaler, regionaler, bundesweiter,
internationaler Ebene.
Wie sollte eine Öffentlichkeitsarbeit aussehen. Hans Mohls Thesen
sind übertragbar und sollten Beachtung finden. Die Informationen
sollten überzeugend und klar sein.
- Öffentlichkeitsarbeit erfordert informierte Öffentlichkeitsarbeiter.
- Öffentlichkeitsarbeit ist heute nötiger denn je.
- Öffentlichkeitsarbeit erfordert Ausdauer und Erfolgskontrolle.
- Öffentlichkeitsarbeit muß lebendig bleiben und immer wieder
neue Akzente setzen.
Nach den Erkenntnissen über die Bedeutung der Sozialarbeit und
ihre Situation in der heutigen Gesellschaft kann Öffentlichkeitsarbeit
ein Weg sein, daran mitzuwirken, ihr Bild mitzugestalten und
zu verändern.